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Dr. Helmut Niederhofer        Foto: GeBO
08.11.2016, 18:00 Uhr

Das Kriseninterventionszentrum für Kinder und Jugendliche

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirkskrankenhaus ist eine Anlaufstelle für junge Menschen in akuten Krisensituationen 

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist eines der großen Alleinstellungsmerkmale des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. Chefarzt seit Januar 2015 ist Dr. Helmut Niederhofer. Er ist Facharzt für Kinderund Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Allgemeinmedizin.

Herr Dr. Niederhofer, wie würden Sie das Ziel Ihrer Arbeit hier an der Klinik beschreiben?

Dr. Niederhofer: Das primäre Ziel ist es ja, Kinder zu autonomen Menschen zu erziehen. Um aber wirklich autonom zu sein und zu leben, brauchen sie einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung. Persönliche Krisen, psychische Erkrankungen, eventuell falsch erstellte Diagnosen und die entsprechenden Behandlungen können dieses Ziel gefährden. Unsere Hauptaufgabe ist es, Kindern und Jugendlichen, die aus der emotionalen Bahn geworfen wurden, wieder dahin zurück zu helfen. Das schließt auch den schulischen Unterricht ein, den unsere Schüler in enger Zusammenarbeit mit dem Schulamt besuchen.

Wie sieht Ihr Arbeitsbereich aus?

Dr. Niederhofer: Ich vergleiche es einmal ganz plakativ. Wenn eine Frau ein Kind bekommt, geht sie in die Klinik, obwohl sie nicht wirklich krank ist. Bei uns ist das ähnlich: Wir sind eine Klinik und unsere Patienten sind auch nicht körperlich krank, sondern seelisch aus der Bahn geworfen. Die Grenzen zwischen krank und nicht krank sind in beiden Fällen fließend. Ein Beispiel verdeutlicht das vielleicht noch besser: Wenn ein Mensch auf einen Schlag mehrere geliebte Menschen verliert und keine Freude mehr am Leben empfindet – ist das krank oder eine „normale“ Reaktion auf die Situation? Mit solchen „normalen“ Reaktionen, beispielsweise in der Pubertät, haben wir es sehr oft zu tun. Junge Menschen fallen aus der emotionalen Bahn und kommen zu uns. Mehr als die Hälfte unserer Aufnahmen fallen ins Gebiet der Krisenintervention, das sind ungeplante Aufnahmen in Akutsituationen. Ich sehe unsere Klinik als Kriseninterventionszentrum, in dem sich die Patienten von ihrem Umfeld distanzieren können und sich zusammen mit uns Lösungsstrategien entwickeln können.

Hat sich der Umgang mit solchen akuten Krisensituationen, die ja so gut wie jeder Mensch durchlebt, in den letzten Jahren verändert?

Dr. Niederhofer: Ja, sehr. Der Umgang mit Frustration hat sich sehr gewandelt, ich halte das für ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Der Satz „Davon geht die Welt nicht unter“, der noch vor wenigen Jahren die übliche Reaktion auf emotionale Ausnahmesituationen war, wirkt heute nicht mehr. Es kommt schon vor, dass die Reaktion auf solche Situationen Selbstverletzungen oder ähnliche Kurzschlusshandlungen sind. Ich selbst hätte von meinen Eltern wahrscheinlich die Ohren langgezogen bekommen, doch viele Eltern in der heutigen Zeit können mit solchen Handlungen oder Drohungen ihrer Kinder nicht umgehen und rufen die Polizei zu Hilfe.

Hat sich nur der familiäre Umgang mit Krisensituationen geändert?

Dr. Niederhofer: Nein, auch in der Schule, und das darf man nicht unterschätzen. Früher zogen Lehrer und Eltern an einem Strang, beispielsweise wenn es um Mobbing ging. Heute arbeiten Eltern und Lehrer, oft auch mit juristischen Mitteln, gegeneinander, und die Leidtragenden dabei sind häufig die Kinder.

Wie häufig sind Depressionen im Kindesund Jugendalter?

Dr. Niederhofer: Klassische Depressionen sind im Jugendalter nur selten vorhanden. Es passiert relativ schnell, dass Eltern und auch Kinder eine Phase der schlechten Laune oder traurigen Verstimmung als Depression missverstehen. Das hängt allerdings auch damit zusammen, dass Kinder oft nicht damit umgehen können, wenn ihre Wünsche und Sehnsüchte nicht erfüllt werden. Drohungen einerseits und schlecht gelaunter Rückzug andererseits sind Verhaltensmuster, die wir häufig bei unseren Patienten beobachten können.

Und wie sieht es mit ADHS aus?

Dr. Niederhofer: Der Leistungsdruck in der Schule ist enorm hoch. Meine Kinder lernen heute Dinge, die wir teilweise erst an der Uni durchgenommen haben. Aber anstatt die Stoffmenge anzupassen, wird die Lernzeit verknappt. Viele Schüler, die mit dem Schulsystem überfordert sind, bekommen meiner Ansicht nach die Diagnose ADHS aufgepfropft. Zu Unrecht, denn sie können am wenigsten dafür.
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