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Dr. med. Michael Schüler ist (der neue) Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. Er ist Facharzt für Psychiatrie – Psychotherapie, Facharzt für Neurologie, Alterspsychotherapeut und Medizinethiker.                     Foto: GeBO
08.11.2016, 18:00 Uhr

Hilfe bei psychischen Problemen – in jedem Alter

Der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Bezirkskrankenhauses Bayreuth stellt sich vor 

Von den Schwerpunktthemen Depression, Psychosomatik und Gerontopsychiatrie ist Letzteres das wohl unbekannteste. Was ist Gerontopsychiatrie?

Dr. Michael Schüler: Gerontopsychiatrie ist die Psychiatrie des höheren Lebensalters. Sie behandelt alle psychischen Erkrankungen, die im höheren Alter auftreten. Die Altersgrenze ist ziemlich willkürlich, wir haben sie hier im BKH mit 60 Jahren festgesetzt. Alle Patienten, die 60 Jahre oder älter sind, werden in der Gerontopsychiatrie aufgenommen, unabhängig von der Diagnose. Das Fachgebiet ist relativ jung, obwohl es psychisch kranke alte Menschen schon immer gab. In unserer Klinik gibt es drei gerontopsychiatrische Stationen: Eine Station zur Diagnostik und Behandlung von Verwirrtheitszuständen und Demenzerkrankungen, die Station für depressiv und psychosomatisch erkrankte ältere Menschen und die allgemeine Aufnahmestation für ältere Menschen mit unterschiedlichen psychotischen Erkrankungen sowie Medikamentenund Alkoholabhängigkeit. Weiterhin, weil es sehr nahe liegt, gibt es bei uns die Gedächtnis-Sprechstunde im Sinne einer Memory-Clinic und die Demenz-Ambulanz. Wir arbeiten hier überaus eng mit den niedergelassenen Kollegen zusammen, und unsere Ambulanzen sind der erste Anlaufpunkt, wenn sich bei Patienten Merkfähigkeitsoder Gedächtnisprobleme zeigen und nicht klar ist, ob ein Patient seine kognitiven Probleme vielleicht aufgrund einer Alzheimererkrankung hat. Unsere Untersuchungsverfahren klären sehr genau, ob es sich um eine Demenz handelt oder nicht. Nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Angehörigen ist dieses Wissen von großer Bedeutung, wobei wir großen Wert legen auf Früherkennung. Mehr als 30 Prozent der Patienten, die bei uns mit einem Verdacht auf Demenz vorgestellt werden, haben eben keine Demenz. Das ist eine sehr wichtige Botschaft, denn mögliche Depressionen, Angstzustände oder Konfliktsituationen, die hinter der vermuteten Demenz stecken können, lassen sich auch im hohen Alter in aller Regel sehr gut behandeln und meist auch vollständig beheben.

Seit vielen Jahren haben wir in der Klinik eine innere Differenzierung vorgenommen, das heißt, die Patienten werden nach Diagnose bzw. Störungsbild in den jeweiligen Abteilungen behandelt. Früher verband man ältere Patienten fast immer mit Demenz und mit dem Gedanken, dass sie eher pflegebedürftig als psychisch krank wären. Diese Einschätzung hat sich sehr gewandelt.

Sie erwähnten Suchtkrankheiten. Spielen die denn im Alter überhaupt noch eine Rolle?

Dr. Michael Schüler: Es leiden viel mehr ältere Menschen an Suchterkrankungen als man landläufig denkt. So entwickeln etwa acht Prozent aller Alkoholkranken ihr problematisches Trinkverhalten erst nach der Berentung. übrigens handelt es sich hier ganz überwiegend um Männer. Das hängt mit der Sozialisation in der Jugend zusammen. Vor fünf oder sechs Jahrzehnten war es in der Gesellschaft eher nicht akzeptiert, dass eine Frau in der öffentlichkeit Alkohol trinkt. Das Pillendöschen beim Kaffeekränzchen hingegen war schon immer völlig in Ordnung. Daher finden wir bei Medikamentenabhängigkeiten im höheren Lebensalter ganz überwiegend Frauen. Nicht zu vergessen: ältere Menschen müssen oft wegen verschiedener Erkrankungen Medikamente einnehmen, auch Schmerzmittel oder Beruhigungsmittel und kommen nach der Behandlung nicht mehr davon los.

Aber nicht nur in der Gerontopsychiatrie, sondern für alle Suchtpatienten ist der qualifizierte Entzug, den wir hier anbieten – die Entgiftungsmethode – die mit der geringsten Rückfallquote. Das hängt zum einen damit zusammen, dass wir uns nicht auf den reinen körperlichen Entzug, der etwa sechs bis acht Tage dauert, beschränken, sondern den ganzen Menschen und auch sein Umfeld einbeziehen. Die Grenze vom Genuss, den ein Mensch kontrollieren kann hin zum Zwang, der den Menschen kontrolliert, ist fließend, und während der etwa zwei bis drei Wochen Behandlung werden auch diese Themen hier intensiv besprochen. Die psychiatrischen und psychotherapeutischen Faktoren sind für einen gelungenen Entzug maßgeblich. Es reicht nicht, die Leber zu entgiften, sondern Sozialpädagogen, Psychologen, Ergotherapeuten und die psychiatrische Fachpflege arbeiten mit dem Patienten eng zusammen. Wir knüpfen mit den Patienten ein Netz zur Weiterbehandlung im Suchthilfe-System „draußen“. Die Rückfallquote beim qualifizierten Entzug liegt deutlich unter 50 Prozent, die Zahl verbessert sich noch erheblich, wenn der Patient motiviert werden kann, sich nach der Entgiftung einer Entwöhnungsbehandlung zu unterziehen. Selbsthilfegruppen und ambulante Suchtberatung sind anschließend ein Schlüssel zum Erfolg, weil es eben ein soziales Netz ist, das auffängt.

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit an Ihrer Klinik ist die Psychosomatik. Was gehört alles zu diesem Gebiet? Dr. Michael Schüler: Historisch gesehen kam bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals die Ansicht auf, dass körperliche Erkrankungen auch psychische Ursachen haben können, z. B. eine Herzneurose, ein Magengeschwür oder diffuse Schmerzzustände. Der psychische Umgang mit der körperlichen Erkrankung ist ein mittlerweile viel wichtigerer Faktor, beispielsweise in der Onkologie, der Dermatologie oder der inneren Medizin. Die psychische Verarbeitung von Schlaganfällen, Tumorerkrankungen, rheumatischen Leiden oder Herzinfarkten ist für den Heilungsund Genesungsprozess enorm wichtig. Psychosomatik hat einen großen psychotherapeutischen Schwerpunkt. Psychosomatische Erkrankungen ziehen sich durch alle Geschlechter und alle Altersgruppen. Hierzu zählen wir heute neben dem weiten Feld der verschiedenen Ess-Störungen auch funktionelle Sexualstörungen, Krankheiten in Folge seelischer Traumatisierungen, schwere affektive Instabilitäten und andere psychisch bedingte Leidenszustände, für die sich kein körperliches Korrelat finden lässt.

Wie haben sich die Patientenzahlen in den letzten Jahren im Bereich Depression entwickelt?

Dr. Michael Schüler: Im Schnitt haben wir in der Psychiatrischen Klinik (ohne die Kinderund Jugendpsychiatrie und ohne Forensik) jährlich um die 3400 Patienten stationär aufgenommen und behandelt. Diese Zahl ist relativ stabil. Bei den Diagnosegruppen fällt auf, dass der höchste Anteil immer noch die Suchtpatienten sind, obwohl deren Zahl in den letzten zehn Jahren abgenommen hat. Die Anzahl der Psychose-Patienten hat sich in diesem Zeitraum ebenfalls reduziert. Die sehr gute ambulante psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung vor Ort im niedergelassenen Bereich sehe ich als Grund dafür. In unserem Depressions-Zentrum dagegen hat sich die Diagnose von primären depressiven Erkrankungen verdreifacht, und auch die Anzahl der psychosomatischen Patienten mit Depressionen hat sich erhöht.

Die Selbsthilfegruppen stellen während und nach der Behandlung ein dichtes soziales Netz dar. Welche Selbsthilfegruppen gibt es am Bezirkskrankenhaus?

Dr. Michael Schüler: Schon vor Jahren installierten wir Selbsthilfegruppen für depressive Patienten, die sich heute regelmäßig treffen. Für Suchtpatienten gilt das ebenso wie für gerontopsychiatrische Patienten oder psychoseerfahrene Menschen. Ich habe vor zehn Jahren die regionale Alzheimergesellschaft gegründet, die inzwischen die Patienten vom vollstationären Bereich bis zur Nachsorge begleitet und die z. B. Demenzhelfer ausbildet. Ältere Menschen mit kognitiven Einschränkungen wären früher schnell in einem Heim gelandet. Die Demenzhelfer suchen diese Patienten nach ihrer Entlassung zu Hause auf und helfen ihnen, in ihrem privaten Umfeld möglichst lange und gut zurechtzukommen. Ganz allgemein gehören zu dem erwähnten dichten Netz neben Selbsthilfegruppen noch viele andere psychosoziale Angebote. Unser Haus ist ja nur ein Teil davon. Hierzu zählen neben den niedergelassenen Fachärzten und –therapeuten die Sozialpsychiatrischen Dienste, ambulante Beratungsstellen, Sozialstationen, psychosoziale Hilfevereine, Betreuungsgruppen und vieles mehr
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