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08.11.2016, 18:00 Uhr

Wenn Sport ein Medikament wäre...

Interview mit Chefarzt Dr. med. Christoph Stoll der Klinik Herzoghöhe

Herr Dr. Stoll, was gibt es Neues im Leistungsspektrum der Klinik Herzoghöhe?

Dr. Stoll: In den letzten zwei Jahren haben wir in der Klinik Herzoghöhe die Behandlungsprogramme komplett überarbeitet und wissenschaftlich auf den neuesten Stand gebracht. Als besonderes Highlight haben wir einen neuen computergestützten Gerätepark angeschafft, der es uns erlaubt, Leistungsund Bewegungsentwicklung sowie auch Fehler im übungsverhalten zielgerichtet frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren. Vor allem für unsere Krebspatienten hat sich dieses Zirkeltraining als wichtig für ein positives Rehabilitationsergebnis herausgestellt. Dabei profitieren aber nicht nur onkologische Patienten sondern auch Patienten, die mit chronischen Rückenschmerzen bei uns zur Rehabilitation sind. Die Trainingshäufigkeit hängt vom Trainingszustand ab.

Mit vielen anderen Neuerungen haben wir auch gerade im Bereich der psychologischen Betreuung nicht nur personell sondern auch inhaltlich in den letzten zwei Jahren unsere Programme deutlich erweitert. Bei vielen Tumorerkrankungen zeichnet sich auch bei fortgeschrittener Erkrankung ein deutlich längeres überleben ab. Das rührt daher, dass wir Krankheiten, die früher nicht behandelbar waren – wie zum Beispiel das metastasierte Nierenzellkarzinom – so behandeln können, dass sich überlebenszeiten ergeben, von denen wir früher nicht zu träumen wagten. Dadurch bekommen Folgeerkrankungen, die im Zusammenhang mit der Krebserkrankung oder den Therapien auftreten, eine viel größere Bedeutung. Genau hier setzt die Rehabilitation ein und versucht Folgestörungen wie Nervenstörungen, chronische Müdigkeit und vieles andere durch entsprechende Behandlungsprogramme zu lindern beziehungsweise zu verbessern. Der Fachbegriff für diesen Bereich nennt sich „Cancer Survivorship“ und heißt übersetzt nichts anderes als die „ganzheitliche Behandlung der Krebsfolgestörungen“, um die sich gerade die Rehabilitation verstärkt kümmert.

Wie wirkt sich das Wissen um langfristige Nebenwirkungen auf die Primärbehandlung eines Tumorpatienten aus?

Dr. Stoll: Es spielt ganz klar eine Rolle, wie man die Patienten in der Akutphase behandelt. Der Gedanke, dass der Patient zwar überlebt, aber Zeit seines verbleibenden Lebens mit einer deutlich verminderten Lebensqualität zu kämpfen hat, spielt heute eine viel größere Rolle. Im Fall von Morbus Hodgkin (eine Form von Lymphdrüsenkrebs) ist die überlebensrate um die 90 Prozent, und aus den dazugehörigen Langzeitstudien wissen wir, was Patienten nach 20 oder 25 Jahren bewegt, beschäftigt und belastet. Dieses Wissen fließt in unsere aktuellen Behandlungskonzepte mit ein und lässt sich häufig auf andere Tumorarten übertragen.
Chefarzt Dr. med. Christoph Stoll   Foto: Klinik Herzoghöhe
Chefarzt Dr. med. Christoph Stoll   Foto: Klinik Herzoghöhe


Die Behandlung muss also nicht nur für die Akutphase, sondern auch mit Blick auf die nächsten Jahre geplant werden?

Dr. Stoll: Richtig. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass Polyneuropathien (Nervenstörungen) als Nebenwirkung von Chemotherapien im Alltag und im Berufsleben ein sehr großes Problem sein können. Wir müssen uns nach der Diagnosestellung sehr schnell für eine Behandlungsstrategie entscheiden, die auf längere Sicht aber dem Patienten möglichst wenig Schäden aus den Nebenwirkungen beschert. Deshalb nehmen wir regelmäßig an Tumorkonferenzen teil, um unser Wissen über die Langzeitfolgen für die Primärbehandlung mit einzubringen. Aus meiner Sicht steigt in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Rehabilitation, da das Wissen um die Behandlung und Betreuung der Langzeitfolgen oft zu kurz kommt.

Wie viele Patienten behandeln Sie pro Jahr in der onkologischen Reha?

Dr. Stoll: Wir haben 1500 neue Patienten im Jahr in der Onkologie, oberfrankenweit sind wir der einzige Anbieter für Rehabilitation im onkologischen Bereich. Sport spielt bei sehr vielen von unseren Patienten eine unglaublich große Rolle, sowohl im körperlichen als auch im psychischen Heilungsprozess. Wenn Sport ein Medikament wäre, würden sich alle, Patienten wie Hersteller, darauf stürzen. Zurecht.
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