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Ein Großteil der älteren Menschen geht davon aus, im Alter ohne Pflegezurecht zukommen. Doch es lohnt sich, für den Fall der Fälle einen Plan definiert zu haben. Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn
Ein Großteil der älteren Menschen geht davon aus, im Alter ohne Pflegezurecht zukommen. Doch es lohnt sich, für den Fall der Fälle einen Plan definiert zu haben. Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn
4.4.2019, 13:00 Uhr

Der Plan B sollte stehen

Die meisten Menschen wollen gern in den eigenen vier Wänden alt werden – selbstständig und auf niemanden angewiesen. Aber nicht jedem ist das vergönnt. Deswegen ist es gut, eine mögliche Pflegebedürftigkeit nicht zu tabuisieren.
Es kann ganz plötzlich passieren: Jemand stürzt, muss ins Krankenhaus und kommt nicht mehr auf die Beine. Dann steht das Wort Pflegebedürftigkeit im Raum. Doch darüber, was in so einem Fall zu tun ist, haben viele vorher noch nie nachgedacht. „Ein Großteil der älteren Menschen geht davon aus, dass sie bis zum Schluss schon irgendwie zurechtkommen werden“, sagt Marion Bär vom Kompetenzzentrum Alter der Universität Heidelberg. Trotzdem lohne es sich, den Gedanken zuzulassen, dass es auch anders kommen kann. „Es geht um einen Plan B.“

Dafür sprechen zum einen die Zahlen, sagt Bär: Die Menschen werden immer älter. Gleichzeitig steigt das Risiko, pflegebedürftig zu werden, ab 80 Jahren deutlich. Zum anderen baut es Ängste ab, wenn man sich mit dem Thema einmal auseinandersetzt und Dinge bis zu Ende denkt. „Ein Beispiel: Ich begleite eine ältere Dame, die lebt noch ganz gut zu Hause und möchte auch, dass das so bleibt. Aber sie hat sich trotzdem schon mal mit mir zusammen ein Pflegeheim ausgesucht.“ Das sei für die Frau eine Beruhigung, sagt Bär. „Denn sie weiß: Wenn was ist, dann komme ich nicht irgendwo hin.“

Aber wann ist der richtige Zeitpunkt, um sich über solche Sachen Gedanken zu machen? Es gibt eine Frage, die sich laut Bär unabhängig vom Alter stellt: Wenn ich mal in meiner Selbstbestimmung eingeschränkt sein sollte – wer soll dann für mich sprechen? Jemand aus der Familie, ein Freund, oder lieber jemand von außen? Einen Unfall kann jeder haben. In einer Betreuungsverfügung lässt sich für so einen Fall jemand benennen, der die eigenen Interessen vertritt.

„Hat man eine solche Person gefunden, dann sollte man miteinander reden“, rät Bär. Der andere sollte ein Gefühl dafür bekommen, wie man zu bestimmten Dingen steht. Tritt ein Fall ein, den man nicht vorhergesehen hat, sollte der Bevollmächtigte eine Ahnung davon haben, wie man wohl selbst entschieden hätte.

Das Thema Pflegebedürftigkeit taucht dagegen oft auf, wenn jemand anderes betroffen ist – wie die eigenen Eltern. „Das ist ein guter Anlass, sich Gedanken zu machen: Würde ich es auch so haben wollen? Was hätte ich gern anders? Und was kann ich jetzt schon dafür tun?“ Älteren Menschen rät die Expertin, das favorisierte Pflegekonzept einmal durchzudenken und durchzurechnen. „Viele Leute sagen zu mir: Wenn es nicht mehr geht, dann hole ich mir halt eine osteuropäische Pflegekraft nach Hause. Aber wenn man sich damit beschäftigt, merkt man häufig, dass das gar nicht so einfach ist.“ Erstens bewegten sich solche Beschäftigungsverhältnisse oft am Rande der Legalität oder seien sogar rechtswidrig. Und bei auch nur halbwegs fairer Bezahlung sei ein solches Arrangement auch nicht billig. „Ich persönlich würde dann lieber in ein gutes Pflegeheim umziehen, auch wenn mich das meine Ersparnisse kostet. Dann bin ich gut versorgt und hocke nicht einsam zu Hause.“

Auch im Gespräch mit Angehörigen sei es hilfreich und entlastend, ein wenig ins Detail zu gehen. Was Bär zum Beispiel immer wieder erlebt: Jemand ist dement und wird von seinem Partner bis weit über dessen Grenzen der Belastbarkeit hinaus gepflegt. „Ich höre dann häufig: Ich will auf keinen Fall, dass mein Angehöriger in ein Pflegeheim muss.“

Bärstelle dann die Frage, ob der andere denn gewollt hätte, dass sich sein Partner komplett aufopfert? „Deswegen ist es gut, wenn man vorher mal über verschiedene Eventualitäten gesprochen hat.“ dpa/tmn

Intensio 24

Plötzlich pflegebedürftig: Das sind die ersten Schritte

Wird jemand pflegebedürftig, haben die Angehörigen Anspruch auf Unterstützung. Jedenfalls theoretisch. In der Praxis sind viele mit der Situation überfordert. Eugénie Zobel-Kowalski, Juristin und Redakteurin bei der Stiftung Warentest, beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist als Erstes zu tun, wenn jemand pflegebedürftig wird?

Sobald sich so eine Situation abzeichnet, ist ein Anruf bei der Pflegekasse sinnvoll. Dort stellt man telefonisch einen Antrag auf Pflegebedürftigkeit. Die Formulare für den schriftlichen Antrag werden zugeschickt. Sind die ausgefüllten Formulare bei der Kasse eingegangen, meldet sich der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK), um die Situation zu begutachten.

Was begutachtet der MDK?

Wie selbstständig jemand noch agieren kann. Der Gutachter schaut also beispielsweise, wie weit sich der potenziell Pflegebedürftige noch herunterbeugen kann, wie gut seine Motorik noch funktioniert und ob eine Demenzerkrankung vorliegt. Dabei ist es wichtig, nichts zu beschönigen. Denn auf der Grundlage des Gutachtens legt der MDK den sogenannten Pflegegrad fest.

Welche Frage sollten sich Angehörige als Erstes stellen?

Sinnvoll ist, zunächst zu schauen, ob eine Pflege zu Hause möglich ist: Ist die Wohnung barrierefrei? Wenn nicht – lässt sie sich entsprechend anpassen? Und natürlich: Wer könnte die Pflege zu Hause übernehmen? In einer Krisensituation kann man eine Kurzzeitpflege in einem Pflegeheim nutzen, um solche Dinge zu klären. Dort wird der Pflegebedürftige für eine bestimmte Zeit – maximal 56 Tage binnen eines Jahres – untergebracht. Danach können beide Seiten weitersehen.

Wo können sich Pflegebedürftige und Angehörige beraten lassen?

Die Pflegekassen bieten selbst Beratung an oder können Stellen vermitteln, die das tun. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) listet kostenlose und unabhängige Beratungsstellen auf. Unter der Nummer 030/20179131 erreichen Angehörige von Montag bis Donnerstag jeweils zwischen 9 und 18 Uhr zudem das Pflegetelefon des Bundesfamilienministeriums. Auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland berät zu diesen Themen.

Wo gibt es Hilfe, wenn es um die Anpassung der Wohnung geht?

Hier hilft die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungsanpassung weiter, ein Zusammenschluss von Wohnberatern. Solche spezialisierten Berater kommen nach Hause und schauen gemeinsam mit den Betroffenen, welche Umbauten möglich sind – und wie sie am besten umgesetzt werden. Es gibt kostenlose und kommerzielle Angebote. Ein Preisvergleich lohnt sich.

Was ist bei der Wahl des richtigen Pflegeheims zu beachten?

Das Wichtigste ist, sich selbst ein Bild zu machen. Nur aufgrund der Informationen auf der Internetseite etwa sollte niemand ein Pflegeheim auswählen. Stattdessen macht man am besten einen Termin mit der Heimleitung und lässt sich herumführen. Die Leitung kann man etwa fragen, wie sie mit Beschwerden umgeht. Beim Rundgang unbedingt auch Bewohner ansprechen, und möglichst auch einmal mit den anderen essen. Sinnvoll ist auch, noch mal ohne Termin wiederzukommen. Kommt ein Heim infrage, lohnt sich ein Probewohnen. dpa/tmn
Dr. Zeitler
Kohnhäuser
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